Fundraising Verband im Interview

Wir haben mit Ruth Williams vom Fundraising Verband über aktuelle Entwicklungen und Trends im Bereich des Gebens gesprochen.
Was macht der Fundraising Verband Austria?
Der Fundraising Verband Austria (FVA) ist mit über 370 Mitgliedsorganisationen aus allen Bereichen des gemeinnützigen Sektors der größte Dachverband spendenwerbender Organisationen in Österreich. Wir sind Interessenvertretung und Impulsgeber zugleich: Wir setzen uns für gute Rahmenbedingungen für den gemeinnützigen Sektor ein, bringen die Anliegen unserer Mitglieder in den politischen und öffentlichen Diskurs ein und fördern die Professionalisierung des Fundraisings durch Aus- und Weiterbildung, Vernetzung, Qualitätsstandards sowie Markt- und Trendanalysen.
Unser Ziel ist es, die Kultur des Gebens in Österreich zu stärken und damit mehr gesellschaftliches Engagement zu ermöglichen. Und das tun wir heuer seit genau 30 Jahren: Der FVA wurde 1996 gegründet und feiert 2026 sein 30-jähriges Bestehen. Wie stark sich die Spendenkultur in dieser Zeit entwickelt hat, zeigt auch die langfristige Entwicklung des Spendenaufkommens: Seit 2008 ist es von rund 360 Millionen Euro auf zuletzt 1,07 Milliarden Euro gestiegen. 2022 wurde mit rund 1,1 Milliarden Euro ein historischer Höchststand erreicht. Gleichzeitig haben 79 Prozent der Menschen in Österreich angegeben, im Vorjahr gespendet zu haben – ein neuer Höchstwert. Das zeigt, wie tief das gemeinnützige Engagement in der österreichischen Bevölkerung gegenwärtig verankert ist.
Wie trägt Fundraising zur Lösung von Problemen bei?
Österreich hat eine sehr aktive Zivilgesellschaft und eine außergewöhnlich breite Landschaft gemeinnütziger Organisationen. Menschen engagieren sich freiwillig, spenden Geld, bringen ihre Expertise ein oder unterstützen Organisationen als Mitglieder und Fördernde. Dadurch können unterschiedliche gesellschaftliche Herausforderungen aufgegriffen werden – vom Tier-, Umwelt- und Klimaschutz über soziale Anliegen, Kinder- und Jugendhilfe bis hin zu Bildung, Kunst und Kultur sowie Forschung und Wissenschaft.
Fundraising ist dabei weit mehr als das Sammeln von Geld. Es geht darum, Menschen für eine Idee zu gewinnen, Beziehungen aufzubauen und ihnen Möglichkeiten zu geben, sich für eine Sache einzusetzen. Finanzielle Unterstützung ist dafür eine wesentliche Grundlage: Sie ermöglicht gemeinnützigen Organisationen, langfristig an Lösungen zu arbeiten und dort aktiv zu werden, wo gesellschaftlicher Bedarf besteht. Im Kern bedeutet Fundraising deshalb: Ressourcen aus der Gesellschaft für Anliegen zu mobilisieren, die der Gesellschaft zugutekommen. Es verbindet Menschen, die etwas bewegen möchten, mit Organisationen, die konkrete Lösungen entwickeln und umsetzen.
Was sind Beispiele für inspirierende Erfolgsstories?
Im gesamten gemeinnützigen Sektor gibt es unzählige inspirierende Geschichten: Organisationen, die mit einer Idee begonnen haben, weil jemand ein gesellschaftliches Problem nicht einfach hinnehmen wollte – und die durch Beharrlichkeit, Überzeugungskraft und die Unterstützung vieler Menschen zu wirkungsvollen Organisationen gewachsen sind. Eine Erfolgsgeschichte innerhalb des Dritten Sektors ist die Initiative „Vergissmeinnicht“, die der FVA gemeinsam mit der Österreichischen Notariatskammer aufgebaut hat. Sie wurde 2012 ins Leben gerufen, um Menschen neutral darüber zu informieren, was bei einer testamentarischen Regelung zugunsten gemeinnütziger Organisationen zu beachten ist. Heute gehören mehr als 100 gemeinnützige Organisationen zur Initiative, die österreichweit jährlich tausende Menschen über das Thema informiert. Das Interesse an dieser Form des Gebens ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. 2025 wurden bereits rund 122 Millionen Euro testamentarisch an gemeinnützige Organisationen vermacht – fast jeder neunte Spendeneuro kommt damit aus einem Testament. Diese Entwicklung zeigt sehr schön, was Fundraising bewirken kann: Es geht nicht nur darum, heute Unterstützung zu gewinnen, sondern auch darum, Menschen langfristig für gemeinnützige Anliegen zu begeistern und Möglichkeiten zu schaffen, wie persönliche Werte über das eigene Leben hinaus weiterwirken können.
Welche Trends sind im Fundraising zu beobachten?
Fundraising hat sich in den vergangenen 30 Jahren enorm weiterentwickelt. Während professionelles Fundraising früher vor allem bei einigen großen Organisationen etabliert war, gehört es heute für kleine wie große gemeinnützige Organisationen zu einem zentralen strategischen Aufgabenbereich. Gleichzeitig ist das Spektrum der Methoden und Möglichkeiten wesentlich gewachsen. Datenbasiertes Fundraising ist heute eine wichtige Grundlage, um Menschen gezielter und individueller anzusprechen. Digitale Kanäle verändern die Kommunikation ebenso wie die örtlichen Möglichkeiten zu spenden. Auch Künstliche Intelligenz eröffnet neue Möglichkeiten, etwa bei der Analyse von Zielgruppen, der Entwicklung von Inhalten oder der effizienteren Gestaltung von Prozessen. Gleichzeitig dürfen Vertrauen, Authentizität und der persönliche Dialog nicht durch Technologie ersetzt werden. Denn bei allen Trends bleibt eine Sache entscheidend: Fundraising ist Beziehungsarbeit. Erfolgreich ist nicht automatisch die Organisation mit der lautesten Kampagne, sondern jene, die ihre Anliegen glaubwürdig vermittelt, ihre Unterstützer:innen versteht und langfristige Beziehungen aufbaut. Jede Organisation muss daher die Strategie finden, die zu ihren Zielen, Zielgruppen und Ressourcen passt.
Ein Bereich mit besonders großem Entwicklungspotenzial ist in Österreich das Großspendenfundraising und die Philanthropie. International ist das private Engagement vermögender Menschen für gemeinnützige Anliegen teilweise deutlich stärker ausgeprägt. Um dieses wichtige Feld sichtbarer zu machen, haben sich heuer aktive Philanthrop:innen mit rund 20 gemeinnützigen Organisationen und Verbänden zur „Initiative Philanthropie“ zusammengeschlossen. Unter der Kommunikationslinie „PHIL GELD. PHIL GUTES.“ wollen wir zeigen, welchen Unterschied größere private Beiträge für gesellschaftliche Veränderung machen können und damit mehr Menschen für philanthropisches Engagement gewinnen.
Wie können soziale Organisationen die junge Zielgruppe erreichen?
Die Gewinnung neuer Unterstützer:innen ist für gemeinnützige Organisationen eine permanente Aufgabe. Menschen verändern ihre Lebenssituationen, Interessen und Spendengewohnheiten – gleichzeitig braucht es für langfristig wirksame Arbeit immer wieder neue Generationen von Spendenden. Bei jungen Menschen sollte man deshalb nicht zuerst fragen: „Auf welchem Kanal erreichen wir sie?“, sondern: „Was interessiert und bewegt sie – und wie können wir ihnen echte Beteiligungsmöglichkeiten bieten?“ Die Bereitschaft, sich für gemeinnützige Anliegen einzusetzen, ist jedenfalls vorhanden. Die Spendenbereitschaft ist auch bei jüngeren Menschen hoch, das wissen wir aus jährlichen Spendenmarktumfragen. Entscheidend ist eine Kommunikation auf Augenhöhe: transparent zeigen, was eine Organisation tut, welche Wirkung sie erzielt und welchen Beitrag die Unterstützung jeder und jedes Einzelnen leisten kann. Social Media und digitale Formate spielen dabei eine wichtige Rolle, sind aber nur Mittel zum Zweck. Junge Menschen wollen nicht nur Botschaften konsumieren, sondern verstehen, mitgestalten und selbst aktiv werden. Das gilt auch für das freiwillige Engagement. Die klassische, langfristige Bindung an eine bestimmte Organisation wird tendenziell weniger selbstverständlich. Dafür gewinnen konkrete, zeitlich klar begrenzte und projektorientierte Möglichkeiten an Bedeutung. Organisationen müssen daher unterschiedliche Formen der Beteiligung anbieten.
Worum geht es beim Fundraising Kongress?
Der Österreichische Fundraising Kongress ist das Herzstück unseres Aus- und Weiterbildungsprogramms und zugleich der zentrale Branchentreff der österreichischen Fundraising-Community. Jedes Jahr im Herbst kommen dort mehrere hundert Fundraiser:innen, Führungskräfte und Expert:innen aus dem gemeinnützigen Sektor zusammen.
Beim diesjährigen 33. Österreichischen Fundraising Kongress vom 12. bis 14. Oktober im Europahaus Wien steht „RE:FRAME – Fundraising nachhaltig stärken“ im Mittelpunkt. Das Programm verbindet internationale Perspektiven mit konkreten Erfahrungen aus der Praxis. Themen sind unter anderem Großspendenfundraising, KI und Digitalisierung, Direct Mailing, Stiftungsförderungen, Social Impact Investing, Testamentsspenden und die nächste Generation von Spender:innen. Gleichzeitig ist der Kongress weit mehr als Weiterbildung. Es geht ganz wesentlich um Begegnung und Vernetzung, um den Austausch darüber, was funktioniert, welche neuen Ansätze vielversprechend sind und wie sich der Sektor gemeinsam weiterentwickeln kann. Und heuer ist der Kongress natürlich besonders: Wir feiern dort 30 Jahre Fundraising Verband Austria!
Was wäre ein Wunsch für die Zukunft?
Mein größter Wunsch ist ein noch stärkerer Schulterschluss über die Grenzen des Dritten Sektors hinaus. Die Herausforderungen, vor denen wir stehen – von Klimawandel und sozialer Ungleichheit über Bildung und gesellschaftlichen Zusammenhalt bis hin zur Stärkung unserer Demokratie –, können wir nicht in einzelnen Sektoren lösen. Wir brauchen deshalb noch mehr Zusammenarbeit zwischen gemeinnützigen Organisationen, Unternehmen, Philanthrop:innen, Stiftungen, öffentlicher Hand und Wissenschaft. Dabei sollte es nicht nur um klassische Finanzierung oder Sponsoring gehen, sondern um echte Kooperation auf Augenhöhe, gemeinsames Lernen und das Teilen von Wissen und Ressourcen. Gerade öffentliche Hand und privates Engagement sollten stärker zusammengedacht werden. Innovative Modelle wie Matching Funds können zusätzliches privates Engagement mobilisieren und damit mehr Wirkung ermöglichen. Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, privates Engagement als Ersatz für staatliche Verantwortung zu verstehen, sondern um ein sinnvolles Zusammenspiel: Wenn öffentliche Hand, Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Philanthropie ihre jeweiligen Stärken verbinden, können nachhaltigere Lösungen entstehen. Ich wünsche mir deshalb weniger ein Denken in Zuständigkeiten und mehr ein Denken in gemeinsamer Wirkung.
Wo können Interessierte mehr erfahren?
Wer mehr über Fundraising, den österreichischen Spendenmarkt und die Arbeit des Fundraising Verband Austria erfahren möchte, findet alle Informationen auf unserer Website unter www.fundraising.at. Dort informieren wir über aktuelle Entwicklungen, Veranstaltungen, Aus- und Weiterbildungsangebote, Studien und Initiativen des Verbandes. Eine besonders gute Grundlage für alle, die sich für die Entwicklung des Spendenwesens interessieren, ist unser jährlicher Spendenbericht. Er liefert aktuelle Zahlen zum Spendenaufkommen, zur Spendenbeteiligung, zu Spendenzielen und Motiven und zeigt, wie sich das Spendenverhalten in Österreich verändert – auch im internationalen Vergleich.
Liebe Ruth Williams, danke für die spannende Einblicke zum Fundraising Verband! Hat dir unser Beitrag gefallen? Dann melde dich für den Newsletter an, um informiert zu bleiben. Wenn du uns unterstützen möchtest, kannst du das mit einer Mitgliedschaft tun!


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