Ali Mahlodji im Interview: Vom Flüchtling und Fehler im System zum Unternehmer

Ali Mahlodji hat eine beeindruckende Geschichte: Wir haben mit dem Unternehmer und Autor über sein Leben und die Arbeitswelt gesprochen.
Wie war deine Kindheit?
Ich bin im Iran zur Welt gekommen, in eine Familie, der Harmonie und Gemeinschaft mehr bedeuteten als Karrierepläne. Doch die politische Realität unter dem Regime von Khomeini zwang meine Eltern zur Flucht – wegen ihrer politischen Überzeugungen standen sie auf einer Verhaftungsliste und mussten das Land innerhalb von 24 Stunden verlassen.
Ich war ungefähr drei Jahre alt, als wir mit Hilfe von Schleppern illegal über die Grenze in die Türkei flohen. Amnesty International und die UNO intervenierten bei unserer Verhaftung und ermöglichten uns die Einreise nach Österreich. Mein Vater wurde durch die Strapazen der Flucht psychisch schwer krank, meine Mutter arbeitete trotz Hochschulabschluss als Putzfrau, um uns zu versorgen.
Nach der Scheidung meiner Eltern hörten mein Bruder und ich auf zu sprechen – wir stotterten danach beide, ich über zehn Jahre lang. Diese Angst vor dem Sprechen machte die Schule zum Albtraum und ich schmiss sie ein halbes Jahr vor dem Abitur. Kein Abschlusszeugnis, ein unaussprechlicher Name, Flüchtlingskind – keine gute Ausgangslage, wie man so schön sagt. Aber rückblickend hat mich genau diese Geschichte zu dem gemacht, was ich heute bin.
Wie kam es zur Gründung von whatchado?
Als 14-Jähriger hatte ich schon die Idee, ein Buch zu schaffen, das von allen möglichen Berufen und Lebensläufen erzählt – eine Orientierung für Jugendliche. Meine Lehrerin damals meinte nur, wenn die Idee so gut wäre, hätte sie schon jemand anderes umgesetzt. Jahre später wurde ich selbst Lehrer und sah dieselbe Orientierungslosigkeit bei meinen Schülern, die ich als Kind selbst gespürt hatte. Also kaufte ich mir eine günstige Digitalkamera und ein billiges Mikrofon, interviewte fremde Menschen zu ihrer Lebensgeschichte – und am 23. Juni 2011 stellte ich whatchado mit den ersten 17 Videos online.
Aus dem Handbuch der Lebensgeschichten wurde eine Plattform mit Videos, auf der Millionen Jugendliche Einblicke in verschiedenste Berufe bekommen konnten – von Jane Goodall und Muhammad Yunus bis hin zu Lehrern, Polizisten und Pflegekräften. Unser Motto von Tag eins war: Every story counts. Was als soziales Projekt begann, wurde zu einem Unternehmen mit über 600 Unternehmenskunden und wir haben Millionen Jugendlicher geholfen – weil wir nie an unseren Prinzipien gerüttelt haben.
Welche Themen beschäftigen dich heute?
Mich beschäftigt die Frage, wie Menschen und Organisationen in einer Welt voller Unsicherheit, KI und Generationenwandel wieder Klarheit, Mut und Richtung finden können. Ich begleite heute als CEO von futureOne Unternehmen, Bildungseinrichtungen und Einzelpersonen durch Zeiten des Wandels. Was mich dabei immer wieder fasziniert: Die meisten Krisen – ob im Team, in der Führung oder im persönlichen Leben – haben dieselbe Wurzel. Es geht nicht um fehlende Tools oder Strategien, sondern um die Frage, wer wir wirklich sind und was uns antreibt.
Als EU Youth Ambassador for Life und UNICEF Ehrenbeauftragter setze ich mich global für Kinder und Jugendliche ein – denn die Zukunft beginnt immer mit der nächsten Generation. Kurzum: Ich glaube daran, dass die Zukunft eine Entscheidung ist – und dass die Zukunft denen gehört, die sie aktiv gestalten.
Worum geht es in deinem neuen Buch NULL BOCK AUF ARBEIT?
Das Buch trägt den Titel NULL BOCK AUF ARBEIT – Wie du wirst, was morgen zählt.
Es greift eine Frage auf, die ich in den letzten Jahren unzählige Male gehört habe: Wollen Menschen überhaupt noch arbeiten? Meine Antwort darauf ist klar: Die Jugend hat sehr wohl Bock – aber nicht mehr auf blinde Loyalität. Menschen haben verstanden, dass blindes Funktionieren kein intelligentes Lebensmodell ist. Viele in der Politik verwechseln das mit Desinteresse. Das Buch ist eine Einladung, tiefer zu schauen: Was treibt Menschen wirklich an? Wie verändert sich Führung, wenn wir Menschen als Ganzes sehen – mit ihren Hoffnungen, Ängsten und Sehnsüchten? Es geht um Selbstverantwortung als Superkraft, um Emotionen als Wegweiser, um Purpose als inneren Kompass – und darum, wie Generationen miteinander statt gegeneinander arbeiten können. Kurz gesagt: Es ist kein Buch über Arbeitsverweigerung, sondern über das Erwachen zu einem sinnvollen Leben.
Welcher Aspekt von New Work wird am meisten unterschätzt?
Die innere Arbeit.
Wir reden endlos über flexible Arbeitszeiten, Home Office, Obstkorb und Purpose-Statements an der Wand – aber den entscheidenden Faktor lassen wir meist aus: Echte Performance entsteht nie am Anfang, sie ist immer das Endprodukt von Sinn und Verbindung.
Wer nicht weiß, wo das Tor steht, schießt in alle Richtungen – ist busy, aber nicht produktiv. Empathie wird von Unternehmen an HR oder NGOs ausgelagert, dabei ist sie eine Arbeitsmethode – in Familien, Teams und Gesellschaften gleichermaßen.
New Work braucht keine neuen Buzzwords, sondern echte Menschen. Führungskräfte, die an sich selbst arbeiten. Unternehmen, die verstehen: Menschen bringen ihre Sorgen, ihre Ängste und ihre Träume mit in die Arbeit – und wer ein Unternehmen führt, führt nicht nur Arbeitskräfte, sondern Menschen mit ihrer ganzen Lebensrealität. Das ist der am meisten unterschätzte Aspekt von New Work – und gleichzeitig der wichtigste.
Was wünschst du dir für die Zukunft?
Ich wünsche mir eine Welt, in der jeder Mensch – unabhängig von Alter, Geschlecht, Religion, Herkunft oder Hautfarbe – die Möglichkeit hat zu entdecken, was im Leben für ihn möglich ist. Das klingt groß, aber ich glaube, es beginnt immer im Kleinen: in einer Schulklasse, in einem Team, in einem Gespräch zwischen zwei Menschen.
Der Mensch ist ein Möglichkeitswesen seiner Gedanken – und wer die innere Überzeugung entwickelt, dass Zukunft eine Entscheidung ist, der beginnt, sie aktiv zu gestalten. Ich wünsche mir, dass mehr Menschen aufhören zu warten – auf den richtigen Zeitpunkt, auf die Erlaubnis anderer, auf bessere Umstände – und stattdessen heute damit anfangen, ihr Leben so zu leben, wie es sich für sie richtig anfühlt. Die Zukunft gehört denen, die sie gestalten.
Wo können Interessierte mehr erfahren?
Wer mehr über meine Arbeit erfahren möchte, findet eine Übersicht meiner Keynotes, meiner Story und meiner Kunden auf www.ali.do und natürlich auf LinkedIn und Instagram.
Egal, wo wir uns finden – Verbindung ist immer der Schlüssel. Denn am Ende des Tages glaube ich: Wenn ich das Weltbild auch nur eines einzigen Menschen zum Positiven wende, dann habe ich seinen Weg für immer verändert. Und das ist es, wofür ich jeden Morgen aufstehe.
Lieber Ali Mahlodji, danke für deine inspirierenden Einblicke! Hat dir unser Beitrag gefallen? Dann melde dich für den Newsletter an, um informiert zu bleiben. Wenn du uns unterstützen möchtest, kannst du das mit einer Mitgliedschaft tun!


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